Seit 2022 führt das ICD-11 (International Classification of Diagnoses) die „Anhaltende Trauerstörung“ als Diagnose. Aber braucht es eine Diagnose für Trauer?

Diagnosekriterien ICD-11

(Stand 2019, wikipedia.de)

„Die anhaltende Trauerstörung ist eine Erkrankung, welche nach dem Tod eines (Ehe-)partners, Elternteils, Kind oder einer anderen nahestehenden Person, zu einer anhaltenden und durchdringenden Trauerreaktion führt, die charakterisiert wird durch

  1. starkes Verlangen nach dem Verstorbenen oder
  2. anhaltende Präokkupation (Beschäftigung) mit dem Verstorbenen begleitet von starkem emotionalen Schmerz
    1. (z. B. Trauer, Schuld, Wut, Verleugnung, Vorwürfe,
    2. Schwierigkeiten den Tod zu akzeptieren
    3. Gefühl, einen Teil seiner selbst verloren zu haben,
    4. Unfähigkeit, positive Stimmung zu erleben,
    5. emotionale Taubheit
    6. Schwierigkeiten mit anderen sozial zu interagieren oder anderen Aktivitäten nachzugehen).

Die Trauerreaktion hält atypisch lange nach dem Verlust an (mehr als 6 Monate) und überschreitet klar erwartbare soziale, kulturelle oder religiöse Normen der eignen Kultur und des Kontextes. Trauerreaktionen, die bereits länger anhalten und sich innerhalb eines normalen Zeitraumes des gegebenen kulturellen und religiösen Kontextes befinden, werden als normale Trauerreaktionen betrachtet ohne Diagnosestellung.

Die Störung verursacht deutliche Beeinträchtigungen im persönlichen, familiären, sozialen, schulischen bzw. Arbeitskontext oder andere Funktionseinbußen.“

Trauerbegleitung oder Therapie?

Nun, in unserem System gibt es keine (bezahlte) Therapie ohne Diagnose.
Lassen wir das System einmal außen vor, dann ist die Frage wahrscheinlich eher, bis wann es Trauer ist und ab wann es andere psychische Herausforderungen sind.

Meines Erachtens verstärkt die Trauer psych. Herausforderungen, die schon länger da waren, vllt. sogar schon seit der Kindheit.
Es ist nicht selten, dass ich mit meinen Kundinnen weniger über Trauer spreche, sondern stattdessen über die Herausforderungen, die mit dem Verlust einhergehen. Bspw. der Umgang mit Einsamkeit, die nicht nur durch den Verlust entstanden ist (Trauerbegleitung), sondern schon ein Thema aus der Kindheit ist (Therapie).

Auch habe ich oft Kundinnen, die von ihrem*r Therapeut*in weiter verwiesen werden an mich, da Trauerbegleitung kein Teil von Psychotherapie ist und sich viele Therapeut*innen mit dem Thema Trauer nicht auskennen.

Und trotzdem dürfen wir vorsichtig sein bei Selbstdiagnosen „nach 6 Monaten“ oder der Diagnose von Trauernden in unserem Umfeld. Die Normen in Trauer, Tod und Sterben brechen (Gottseidank) immer mehr auf, also wird es auch schwieriger zu definieren, was denn „erwartbare soziale, kulturelle & religiöse Normen“ sind.

Bisher wenig erforscht

Übrigens gibt es bisher wenig Forschung zum Thema. In 2014 waren 3,7% der 14-95jährigen Trauernden an einer „Anhaltenden Trauerstörung“ erkrankt. Hauptsächlich wohl ältere Männer.
Bleibt die Frage offen, ob eine Trauerbegleitung von Anfang an eine anhaltende Störungen verhindern könnte, ob (ältere) Männer weniger Verarbeitungsstrategien zur Hand haben (und was dagegen getan werden könnte) und wie eine Art von bezahlten Trauerangeboten als Teil einer therapeutischen Unterstützung aussehen könnten.

Das Leben ist kurz - lass' uns über Tod, Sterben & Trauer sprechen

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