Menschen verabschieden müssen, denen wir nicht nahe waren

Die Bestattungspflicht besagt, dass der*die nächste Angehörige für die Beisetzung von Verstorbenen verantwortlich ist. Doch wie ist das, wenn wir zu unseren nächsten, ‘juristischen’ Verwandten gar keinen Kontakt haben? Und auch, wenn sich unsere Eltern nie um uns gekümmert haben, so haben wir eine Bindung zu ihnen, wenn auch keine Gute. Konflikte und Gefühle kommen wieder hoch, oftmals auch Wut, vielleicht sogar Hass.
Trauern wir um Menschen, mit denen wir keinen Kontakt hatten?

Was wenn nach Jahren der Funkstille auf einmal die Nachricht kommt, dass jemand gestorben ist?

Jemand in meiner Familie sagte einmal, dass meine Mutter froh sein könne, dass mein Vater sich von ihr getrennt hatte, sonst müsste sie ihn jetzt im Rollstuhl über den Gang schieben und nicht seine neue Frau.

Aber ist man dann wirklich froh? Oder fragt man sich “Was wäre gewesen wenn…?”

Auch wenn die Trauer hier anders ist als die Trauer die man bei einem wirklich nahestenden, geliebten Menschen empfindet, ich sage es ist trotzdem Trauer und die Gefühle sollten gefühlt werden.

Vielleicht ist es vielmehr die Trauer über das was nicht war.
Die beendete Beziehung von der man ausging, dass sie ein Leben hält.
Der Vater oder die Mutter mit denen man nie eine gute Beziehung hatte, egal warum und die wir jetzt auch nicht mehr haben werden.
Die Aussöhnung, die nun nicht mehr stattfinden kann. Weder von Deiner Seite, noch von der anderen.

Immer wieder erreichen uns Anrufe von Menschen, die den Brief vom Ordnungsamt bekommen haben. “Ihr*e Vater/Mutter ist gestorben. Sie haben nach §xy die Pflicht sich um die Bestattung zu kümmern”. Immer wieder die Frage “…aber ich habe meine Mutter 30 Jahre lang nicht gesehen und nicht gekannt”. “…aber ich hatte gar keinen Kontakt mit meinem Vater und nachdem, was er mir angetan hat, möchte ich nichtmal zur Beerdigung gehen, sie schon gar nicht bezahlen müssen.”

Abgesehen von den rechtlichen Pflichten sind wir auf einmal wieder mit einer Person konfrontiert, mit der wir eigentlich Leid, Streit, Vernachlässigung oder in manchen Fällen sogar Missbrauch verbinden. Vieles haben wir vielleicht über Jahre erfolgreich verdrängt, verarbeitet oder unseren Weg damit gefunden. Und nun müssen wir wieder darin “rumwühlen”.

Doch was tun wir in solch einem Fall?

Erlaube Dir frei zu denken

Verurteile Dich nicht für Deine Gedanken. Auch, wenn Du schlecht über jemanden denkst, der gestorben ist, es gab sicherlich einen Grund dafür und das ist erstmal ok. Wenn Du verletzt bist oder gekränkt, dann schaue Dir diese Gefühle an unabhängig davon, ob die Person noch lebt oder nicht. Was hat Dich gekränkt oder verletzt, womit seid Ihr nicht weitergekommen, was war Euer Problem? Dann schreibe es auf oder spreche mit einem Vertrauten darüber.

Schreiben

Schreibe auf, was Du gerne gesagt hättest oder noch sagen wolltest. Das kann ein Brief sein oder ein Tagebuch, das Du über einen gewissen Zeitraum führst. Du brauchst keine Rücksicht nehmen auf Grammatik und Rechtschreibung, lass einfach fließen was Dir in den Sinn kommt. Sobald Gedanken einmal raus sind verändern sie sich meist oder werden schwächer.

Du kannst diesen Brief auch in den Sarg oder ins Grab legen. Alternativ an einem Ort begraben, verbrennen oder ins Wasser werfen und wegziehen lassen.

Reden

Auch, wenn der*die Betoffene nicht mehr da ist, rede mit einem engen Vertrauten über das bisher Unausgesprochene. Meist braucht es gar nicht viel Input von der anderen Seite, sondern jemanden, der Dir zuhört und das Gesagte einfach mal aufnimmt.
Frage die Person, ob sie das was Du sagst aufnehmen kann ohne es zu bewerten. “Oh mein Gott, was sagst Du da? So darfst Du nicht denken!” wird Dir nicht weiterhelfen. Suche Dir dafür jemanden, der Deine Gedanken akzeptieren kann, auch wenn er nicht Deiner Meinung ist.

Wichtig ist nichts zu verdrängen. Sätze wie “Jetzt ist XY sowieso nicht mehr da” lösen Dein Gefühl nicht. Auch wenn das ein Tabuthema ist. Im Endeffekt handelt es sich um Deine Gefühle, die sich nicht nur automatisch ändern weil jemand nicht mehr da ist.

Gleichzeitig vergeht so ja auch die Hoffnung auf eine mögliche Aussprache. Vielleicht hast Du lange gehofft, dass die Person sich doch nochmal meldet oder entschuldigt. Das kann nun nicht mehr passieren und zurück bleibst Du mit Deiner Wut oder Deinem Ärger. Und vielleicht ärgerst Du Dich nochmal extra über den Anderen, eben weil er Dir die Möglichkeit auf eine Besserung sozusagen “genommen” hat?

Vergeben

Du bleibst nun zurück mit etwas, was eigentlich Euch beide betraf. Gemeinsam gibt es keine Lösung mehr. Also bleibt Dir nur für Dich selbst eine Lösung zu finden.

Kannst Du Dir vorstellen der anderen Person zu vergeben?
Was hättest Du von der anderen Person gebraucht oder Dir gewünscht? Kannst Du es Dir selbst geben? Kannst Du ansonsten loslassen was passiert ist und auch den Gedanken daran, dass es nun keine Veränderung mehr zwischen Euch geben kann? Was genau hängt für Dich an diesem Gedanken?

Eine meiner Lieblingsfragen bleibt jedoch: Wer wärst Du ohne diesen Konflikt? Welche Rolle hat der Konflikt für Dich/Euch gespielt? Was war durch den Konflikt erst möglich oder nicht möglich?

Umso tiefer Du in diese Fragen eindringen kannst umso leichter wird Dir das Vergeben oder Loslassen fallen. Allerdings passiert auch das nicht in einem Tag. Gib Dir Zeit dafür, der Konflikt entstand auch nicht an einem Tag und dauerte auch sicherlich länger als einen Tag an.

Rituale

Rituale sind Handlungen, die uns bei einem Übergang helfen können. Eine Beisetzung ist ein Ritual, ebenso eine Trauerfeier. Aber jede*r kann eigene Rituale entwickeln. ZBsp das was man loslassen möchte einem Gegenstand sagen und diesen dann entsorgen. ZBsp ein Stein, den man irgendwo ablegt.

Es klingt sonderbar, wenn wir das so beschreiben, aber es wirkt. Du hast im Endeffekt nichts zu verlieren.

Es gibt auch tolle Menschen wie Sabine Deschauer, die individuelle Rituale mit Dir gemeinsam entwickeln. Schau mal auf ihrer Website vorbei: www.beseelte-momente.de.

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